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22.12.2018

Von: Isabel Niesmann

Deutschland nimmt Abschied von der Steinkohle

Kumpel übergeben letztes Stück Kohle

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Freitagnachmittag das letzte Stück in Deutschland geförderter Steinkohle in den Händen hält, können die Kumpel ihre Rührung kaum verbergen. Bei vielen fließen nach der letzten Fahrt und dem letzten Glückauf auf der Schachtanlage Franz Haniel in Bottrop die Tränen. Steinmeier betont: „Das ist mehr als ein Stück Kohle. Das ist Geschichte.“ Denn für das Ruhrgebiet bedeutet der Abschied von der Steinkohle eine historische Zäsur.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier nimmt das letzte Stück Steinkohle in Bottrop entgegen.

Nach mehr als 200 Jahren ist mit dem industriellen Steinkohlenbergbau in Deutschland eine Epoche zu Ende gegangen: Die Bergleute förderten das letzte Stück Kohle zu Tage und überreichten es symbolisch dem Bundespräsidenten. „Für manche nur ein Stück Kohle. Für Sie, Herr Bundespräsident, soll es Symbol für einen bedeutenden Teil deutscher Industriegeschichte sein. Für uns Bergleute war es unsere Welt“, sagte Peter Schrimpf, Vorstandsvorsitzender der RAG.

Über 500 Gäste und Ehrengäste nahmen gemeinsam Abschied von einer Branche, die Deutschland wie kaum ein anderer Industriezweig geprägt, die Region verändert und die Welt revolutioniert hat. Der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis betonte: „Wir verabschieden uns von einer Industrie, die Deutschland stark und reich gemacht hat – und das nicht nur ökonomisch, sondern auch kulturell, charakterlich und gesellschaftlich.“ Vor allem die große Solidarität und das Miteinander der Bergleute seien legendär – nicht nur bei der Arbeit mit Kohle, sondern auch mit Blick auf das Zusammenleben über Tage. In unserer auseinanderdriftenden Gesellschaft müssten alle gesellschaftlichen Akteure für diese Tugenden stärker einstehen denn je, forderte Vassiliadis. „Dieses Land braucht wieder mehr Kumpelkultur!“

Frank Rogner

Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE, auf der zentralen Abschiedsveranstaltung für den deutschen Steinkohlenbergbau.

Er hob an diesem historischen Tag hervor: „Das Ende des Steinkohlenbergbaus trifft besonders die Menschen immer noch hart, die sich für eine sichere Energieversorgung Deutschlands jahrzehntelang krumm gemacht haben. Wir haben als IG BCE dafür gesorgt, dass niemand ins Bergfreie gefallen ist. Das war ein gewaltiger Kraftakt, aber auch eine soziale Errungenschaft, die nicht hoch genug geschätzt werden kann.“

Jean-Claude Juncker, Präsident der Europäischen Kommission, machte auf die Bedeutung der Kohle für Europas Frieden und Wohlstand aufmerksam: „Ohne Kohle gäbe es keine Montanmitbestimmung und auch keine Europäische Union." Die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl gilt als Gründungsgemeinschaft der EU. Über Gemeinschaft und Solidarität sprach auch Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen: „Bergbau geht nur mit Zusammenhalt und Zusammenarbeit. Hand in Hand: Griechen mit Türken, Deutsche mit Marokkanern, weil es unter Tage nicht darauf ankommt, welchen Namen man trägt oder zu welchem Gott man betet."

Für die Menschen im Ruhrgebiet war es ein Tag der Trauer und der Wehmut. Das Ende einer Ära. Für die Redner auf dem Festakt war es aber auch ein Tag, um nach vorne zu blicken. Und die Voraussetzungen für eine gute Zukunft sind da: Das Ruhrgebiet, früher durch und durch von Montanindustrie geprägt, hat sich zu einer bedeutenden Wissenschafts- und Innovationsregion entwickelt.

Frank Rogner

Abschied Steinkohle Schicht im Schacht: Auf der Schachtanlage Franz Haniel in Bottrop wurde das letzte Stück Kohle zu Tage gefördert.

Das Wichtigste aber seien die Menschen, die sich nicht unterkriegen ließen und die in jedem Abschied auch einen neuen Anfang sähen, sagte Bundespräsident Steinmeier. Er ergänzte: „Sie haben hier zwei Jahrhunderte lang buchstäblich Berge versetzt. Warum sollte das nicht auch in Zukunft gelingen?“ In diesem Sinne beendete er seine Rede: „Danke Kumpel! Und Glückauf. Glückauf Zukunft!“