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02.04.2019

Von: Leo Kölzer

Vertrauensleute

Perspektiven der Vertrauensleutearbeit

In Zeiten der Globalisierung wird die Arbeitswelt stetig komplizierter und vielfältiger. Die Erwartungshaltung an Arbeitnehmer nimmt genauso zu, wie die Forderungen nach mehr Flexibilität. Die Globalisierung führt auch zu enormen Wettbewerbsdruck. Vor allem wenn Länder wie China mit Lohn- und Umweltdumping Marktanteile erobern wollen oder wenn Länder wie die USA mit reinen Machtmitteln größere Anteile am Welthandel erzielen wollen. Dann wäre da noch die Herausforderung, aus Gründen des Klimaschutzes, bis 2050 eine weitestgehend CO2-freie Produktion zu erreichen. All das wirkt sich unmittelbar auf Betriebe und Arbeitsplätze aus.

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Vertrauensleute und Ortsgruppen haben immer ein offenes Ohr Vertrauensleute und Ortsgruppen haben immer ein offenes Ohr

Deshalb braucht es mehr Kolleginnen und Kollegen, die sich innerhalb der Betriebe persönlich engagieren, um die Veränderungsprozesse im Sinne der Beschäftigten zu gestalten. Das machen Vertrauensleute in enger Kooperation mit den Betriebsräten. In rund 950 Betrieben hat die IG BCE deutschlandweit 17.000 gewählte Vertrauensleute. Beschäftigte die sich aus Überzeugung gewerkschaftlich organisieren. Sie sind das Scharnier zwischen Mitgliedern und Gewerkschaft. Die Kolleginnen und Kollegen handeln gewissenhaft im Sinne der IG BCE und sprechen andere Beschäftigte aktiv an. Bei einer guten Vertrauensleutearbeit geht es auch um eine Entlastung der Betriebsräte. Insgesamt wächst dadurch die gewerkschaftliche Handlungskraft in den Betrieben.

Im kommenden Jahr steht die nächste Vertrauensleutewahl an. Die IGBCE will die Vertrauensleute stärken und vor allem die Zahl der Betriebe mit aktiven Vertrauensleuten ausweiten. Dafür bedarf es neue Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die Vertrauensleutearbeit und neue Betriebe, in denen sich Vertrauenskörper bilden. Nicht nur in großen, sondern auch in kleineren Unternehmen.

„Vertrauensleute sind eine wichtige Stütze unserer Gewerkschaftsarbeit im Betrieb und ein Erfolgsfaktor für unsere Arbeit als Gewerkschaft“, sagt auch Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE. „Sie sind nah dran an den Problemen im Betrieb, sie arbeiten in derselben Abteilung, an derselben Maschine wie die Kolleginnen und Kollegen. Näher an der Basis kann man nicht sein.“

Vertrauensleute haben eine andere Aufgabe als Betriebsräte. Der Betriebsrat ist die gesetzliche Interessenvertretung aller Beschäftigten im Betrieb. Er ist beispielsweise Verhandlungspartner der Geschäftsleitung bei Betriebsvereinbarungen. Vertrauensleute unterstützen ihn dabei. Durch ihren täglichen Kontakt mit anderen Beschäftigten wissen Vertrauensleute, was wo los ist. Sie sind die Interessenvertreter und Sprecher der Kolleginnen und Kollegen in ihren Betrieben. Vertrauensleute geben Gewerkschaften ein Gesicht. Sie sind offen, engagiert und durchsetzungsfähig. Sie sind gute Zuhörer, können Fragen beantworten und wirken politisch. Sie gewinnen neue Mitglieder und haben starke Bindekraft für die Organisation.

Vertrauensleute sollen stärker unterstützt werden

In der Vergangenheit ist das Potenzial der Vertrauensleutearbeit nicht ausgeschöpft worden. „Da haben wir Einiges brach liegen lassen“, gesteht Grioli und verspricht: „Jetzt werden wir unser Potenzial heben“. Vertrauensleute sollen verstärkt zu Fachleuten in Gewerkschaftsfragen werden. Sie sollen künftig noch mehr als Träger gewerkschaftlicher Kampagnen und mitgliedernaher Gewerkschaftsarbeit im Betrieb fungieren. Dafür sollen sie mit zeitgemäßen Instrumenten und Angeboten in ihrer Arbeit gewerkschaftlich unterstützt werden.

Michael Porschen ist der zuständige IG-BCE-Fachsekretär aus der Abteilung Arbeits- und Betriebspolitik. In seinem Verantwortungsbereich liegt auch das Ressort Vertrauensleute. Für ihn geht es bei der Neuausrichtung der Vertrauensleutearbeit vor allem darum, die Arbeit der Vertrauensleute inhaltlich zu fördern. „Unser Ziel muss es sein, ihre Kompetenzen für die betriebspolitischen und tarifpolitischen Herausforderungen zu stärken.“

Um den Plan in die Tat umzusetzen, hat die IG BCE zu einer Vertrauensleute-Vorsitzenden-Konferenz eingeladen. Gemeinsam mit Petra Reinbold-Knape, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE, und Francesco Grioli diskutierten rund 100 Kolleginnen und Kollegen die verschiedenen Facetten der Vertrauensleutearbeit und sammelten Ideen, wie ihr gewerkschaftliches Engagement weiter gestärkt werden könnte.

Einer von ihnen war Jörg Arnold. Er ist Vertrauenskörperleiter bei der Deutschen Steinzeug Cremer & Breuer in Alfter. Mehr als ein Dutzend Vertrauensleute der IG BCE gibt es dort. Arnold ist von der Neuausrichtung überzeugt. Die Vertrauensleutearbeit könne sich nun revitalisieren und damit auch zu neuen Mitgliedern aus dem Betrieb führen. Erste Erfolge sind bereits sichtbar. Heute erstellen die Vertrauensleute beispielsweise einen Jahresplan für ihre betrieblichen Themen und Aktionen. Die IG BCE unterstützt die Vertrauensleute dabei.

Bei der BASF in Ludwigshafen sind mehr als 1300 Vertrauensleute aktiv. Dort erreicht die Vertrauensleutearbeit andere Dimensionen. Das Unternehmen ist so groß, dass Vertrauensleute unerlässlich für die gute Arbeit von Gewerkschaft und Betriebsrat sind. „Wir unterstützen den Betriebsrat bei seinen Aufgaben“, bestätigt René Dillmann, Vorsitzender der Vertrauensleuteleitung. Etwa, wenn es darum geht, Informationen zu verbreiten. Dafür nehmen die Vertrauensleute monatlich an Sitzungen des Betriebsrates teil. Auch Sekretäre der IG BCE sind dann dabei. Gewerkschaftliche Themen fließen so automatisch in die Kommunikation mit der Belegschaft ein.

Vertrauensleute und Betriebsräte stärken sich gegenseitig

„Es gibt nicht den einen ‘Königsweg‘ wie Betriebsratsmitglieder und aktive Vertrauensleute sich Wissen aneignen können“, weiß Petra Reinbold-Knape. Das Lernen und die Lernformen der Zukunft werden stetig den veränderten Bedingungen angepasst. „Verschiedene Seminarformate parallel für die heterogenen Bedürfnisse anbieten, bedeutet auch steigende Anforderungen an unsere Bildungsarbeit.“

Bei der deutschen Steinzeug in Alfter findet die nächste Klausur der Vertrauensleute im April statt. „An dem Wochenende können wir uns gezielt auf unsere Themen konzentrieren, erleben schöne, aber auch intensive Tage miteinander“, freut sich Arnold. Tatsächlich lernen sich die Kolleginnen und Kollegen an solchen Tagungen besser kennen und tauschen sich auch privat aus. Im geschützten Rahmen wird dann teils kontrovers diskutiert. „Dieser Meinungsaustausch steigert den Zusammenhalt untereinander natürlich enorm.“

Das sieht Francesco Grioli genauso und fordert deshalb für jeden Beschäftigten eine bestmögliche Interessenvertretung am Arbeitsplatz. „Was kann es da Besseres geben als basisnahe Vertrauensleute, die zusammen mit aktiven, gestaltenden Betriebsräten agieren? Gemeinsam sind wir stärker. Das gilt auch für das Zusammenspiel von Betriebsräten und Vertrauensleuten.“